Erstaunlich viele Frauen in der Fraktion der Antifeministen

In einem Zusammenschluss der Parteien, die wohl am wenigsten Wert auf feministische Politik und Emanzipation legen, die Geschlechtsidentitäten neben Mann und Frau nicht anerkennen und die Frau in ihrer veralteten, als ‚traditionell‘ bezeichneten Rolle als Mutter und Hausfrau gut aufgehoben sehen, mag man kaum eine besonders hohe Beteiligung von Frauen* am ‚männlichen‘ Geschäft Politik vermuten.
Erstaunliches verrät dazu ein Blick in die Reihen der ID-Fraktion: Über die Hälfte der Abgeordneten der italienischen Lega im Europaparlament, 15 von insgesamt 28, sind Frauen. Im Rasemblement National sind immerhin 10 von 22 Mandaten weiblich besetzt. Und auch, wenn es bei der AfD bloß noch zwei Frauen unter den 11 MEPs sind, besteht die Fraktion am Ende aus insgesamt 28 Frauen unter 73 Abgeordneten. Das macht eine Quote von rund 38%. Im Vergleich: die konservative Fraktion der Christdemokrat*innen, EVP, liegt bei einer Quote etwas über 25 %.

Dabei spricht das ‚traditionell‘-sexistische Rollenverständnis der versammelten extremen Rechten im Europaparlament doch eher dagegen, Frauen mit politischen Aufgaben zu betrauen. Nicht zuletzt machen das die Programme der einzelnen Parteien zur Europawahl deutlich.
Etwa die Rolle der Familie und der Mutter werden immer wieder betont – so bei im Regierungsprogramm der Lega:
Die Familie ist die natürliche Gesellschaft, die auf der Vereinigung von Mann und Frau gemäß der italienischen Verfassung beruht. Die Familie ist der Ort grundlegender Bindungen, der primäre Kern der Gemeinschaft, die Wiege des neuen Lebens […]“ 1

Die AfD spricht der Frau in ihrem Europawahlprogramm mal wieder das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper ab und formuliert ein eigenes Kapitel unter dem Thema „Abtreibung ist kein Menschenrecht“. 2Auch bei ihnen kommt der Gedanke zur Familienpolitik und der Rolle der Frau nicht zu kurz. Die Partei lehnte die „Stigmatisierung traditioneller Geschlecherrollen ab“. 3Immerhin wenn es um Posten und Ausschüsse geht, kommt die Fraktion ihrem Inhalt aber nach: der dreiköpfige Fraktionsvorstand ist mit Marco Zanni, Nicolas Bay und Jörg Meuthen rein männlich besetzt. Und auch, wenn es für Vorsitzposten in den Ausschüssen nicht gereicht hat, bedienen sich die Frauen der Fraktion in ihrer Wahl der Ausschussthemen zwar nicht ausschließlich, aber immerhin vorwiegend traditionell weiblich besetzter Themen: so beteiligen sich fünf von ihnen am FEMM-Ausschuss zur Gleichstellung der Geschlechter. Mit Nicolaus Fest von der AfD ist überraschender Weise auch ein Mann in diesem Ausschuss vertreten. Im Ausschuss zu internationalem Handel (INTA) sind von neun ID-Abgeordneten bloß noch zwei Frauen zu.

Da die Fraktion in den Ausschüssen keine Vorsitzposten bekam, lohnt sich an dieser Stelle ein Blick auf extrem rechte Parteien und ihre weibliche Besetzung außerhalb der ID Fraktion:
Als stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für konstituierende Fragen (AFCO), für Industrie, Forschung und Energie (INTRE) und im Petitionsausschuss (PETI) stellt etwa die polnische PiS ausschließlich Männer. Dem Kultur- und Bildungsausschuss sitzt dagegen eine Frau der „Latvijai! – „Tēvzemei un Brīvībai/LNNK” (Nationale Vereinigung „Alles für Lettland“ – „Für Vaterland und Freiheit/Lettische Nationale Unabhängigkeitsbewegung“ stellvertretend vor: die ehemalige lettische Kulturministerin Dace Melbārde. Ein Ausschuss, dessen Thema in der Logik der vermeintlich traditionellen, sexistischen Geschlechterrollen sowieso im „weiblichen“ Interessenfeld liegt.
Ebenfalls interessant unter den extremen Rechten MEPs sind die Frauen Kinga Gál und Livia Járóka der ungarischen Fidesz. Erstere ist stellvertretende Vorsitzende des Haushaltskontrollausschusses (CONT), zu dem der Unterausschuss Sicherheit und Verteidigung gehört – drei Themen, die für die Parteien eher männlich konnotiert sein dürften. Mit Livia Járóka stellt die ungarische Partei außerdem eine weibliche Vize-Parlamentspräsidentin.

Über die Beweggründe der Frauen, sich in Parteien – und nun auch in einer Fraktion der Antifeministen zu engagieren, können lediglich Vermutungen getroffen werden:
Entscheidend in den Europawahlprogrammen der extreme rechten Parteien ist das Narrativ des Kulturverlustes durch Fluchtbewegungen und Zuwanderung. In diesem Zusammenhang könnte über ein rassistisches und missinterpretiertes Verständnis von Feminismus spekuliert werden, stellen die Parteien doch immer wieder eine vermeintliche ‚Gefahrenlage‘ für Frauen in den Fokus, die von einer als fremd und frauenfeindlich propagierten Kultur oder Religion, wie etwa einem pauschalisiert abgewerteten Islam, ausgeht. So wäre eine denkbare Erklärung für das Engagement der Frauen in frauenfeindlichen Parteien das Empfinden der Notwendigkeit einer ‚Verteidigung‘ der traditionellen Rolle der Frauen.

Quelle 1: https://www.leganord.org/component/tags/tag/programma-elettorale (zuletzt zugegriffen am 30.10.19)
Quelle 2: https://cdn.afd.tools/wp-content/uploads/sites/111/2019/02/AfD_Europawahlprogramm_A5-hoch_RZ.pdf (zuletzt zugegriffen am 30.10.19) S. 67
Quelle 3: https://cdn.afd.tools/wp-content/uploads/sites/111/2019/02/AfD_Europawahlprogramm_A5-hoch_RZ.pdf (zuletzt zugegriffen am 30.10.19) S. 65