Langsames, typisches Schrumpfen der Fraktion

Nachdem die ID eine der wenigen Fraktionen war, die vom Austritt der britischen Abgeordneten aus dem EP Anfang 2020 und der Neuverteilung von Mandaten profitierte, passiert ihr nun trotzdem Typisches. Nach gut zwei Jahren Legislaturperiode hat sie zum jetzigen Zeitpunkt bereits fünf ihrer Abgeordneten verloren.… Weiterlesen →

Lars Patrick Berg: Ist nach dem Bundesparteitag in Dresden im April 2021 aus der AfD aus- und Anfang Juli in die Partei Liberal-Konservative Reformer (LKR) eingetreten. Entsprechend ist er im Mai aus der ID und nach einem fraktionslosen Monat im Juni der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (ECR) beigetreten. Als Gründe für seinen AfD-Austritt nannte er die als Parteitagsbeschluss gefasste Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der EU und die allgemeine Entwicklung der AfD zur Protestpartei. Sein Ziel einer bürgerlich-konservativen Kraft sieht er nun in der LKR. Mal abgesehen von deren politischer Bedeutungslosigkeit lässt er sich dafür auf europäischer Ebene aber mit reichlich rechten, „bürgerlichen“ Kräften ein: den italienischen Post-Neo-Faschist*innen der Fratelli d‘Italia, den Franquist*innen der spanischen Vox und noch anderen. Vielleicht war aber auch etwas anderes ausschlaggebend: Als fraktionsloser MEP gehörte er keinem der Ausschüsse oder der Delegationen mehr an. Über seine ECR-Beteiligung arbeitet er nun im Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON), durchaus einer der bedeutsameren Ausschüsse.

Die anderen Abgänge aus der ID betreffen allesamt leghistas, bis dahin Mitglieder der italienischen Lega. Die hat zwei wechselvolle Jahre hinter sich: Zu Beginn der europäischen Legislaturperiode im Juli 2019 war sie noch in einer nationalen Regierungskoalition. Die zerbrach kurz darauf aufgrund von Differenzen mit dem Koalitionspartner Movimento 5 Stelle (M5S), besser gesagt: Matteo Salvini (damals Innen- und stellvertretender Premierminister) ließ sie mit der Überzeugung platzen, es käme zu Neuwahlen und die Lega würde triumphieren. Kam es nicht und auch die folgenden Regionalwahlen verliefen insgesamt nicht so erfolgreich wie erhofft. Die quasi andauernde Regierungskrise in Italien brachte Anfang 2021 ein neues Technokrat*innen-Kabinett unter Einbeziehung möglichst vieler Parteien und unter dem ehemaligen Voristzenden der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hervor, an dem auch die Lega wieder mit zwei Ministerämtern beteiligt ist.

In dieser Gemengelage gab es unterschiedliche Gründe/Begründungen der Lega-MEPs, ihre Partei und damit auch die ID zu verlassen, die aber allesamt eher Reaktionen auf die Entwicklungen ihres nationalen Kontexts sind.

Luisa Regimenti: der aktuellste Abgang aus der ID (20.6.2021); bereits Anfang Juli schon Eintritt in die Forza Italia und die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EPP); im italienischen Kontext Verfechterin einer einheitlichen Mitte-Rechts-Kraft, Salvinis Politik und die irrelevanten Anti-Positionen der ID seien dafür hinderlich bzw. irrelevant;

Lucia Vuolo: verließ kurz vor Regimenti die ID, ist aber bis heute noch fraktionslos; soll allerdings schon Kontakt mit Forza Italia haben;

Andrea Caroppo: trat bereits im Oktober 2020 aus der Lega und der ID aus und im April 2021 in die EPP ein; war mit seinem rechtslibertär bis sozialtraditionalistisch ausgerichtetem, regionalistischem Netzwerk Sud in Testa einer der ersten, die sich aus dem italienischen Süden an der landesweiten Verankerung der Lega (vormals Lega Nord) beteiligten; Grund für sein Umschwenken waren Zwistigkeiten in der Kandidat*innenaufstellung zur letzten Regionalwahl in Puglia;

Vincenzo Sofo: erst nach dem Real-Brexit überhaupt ins EP nachgerückt [siehe: https://id-monitor.blog/2020/02/11/verstarkung-fur-die-id-fraktion/%5D; wechselte nach einem Jahr im Februar 2021 direkt von der ID zur ECR; explizit genannter Grund ist die seiner Meinung nach falsche zentristische Beteiligung der Lega an der Großallianz unter Mario Draghi, das passe nicht zu seinen identitär, sozial-patriotischen Vorstellungen; Nachtrag: seit Mitte 2021 Parteigänger der Fratelli d’Italia;

Zwischenfazit: Dass einzelne Abgeordnete oder auch ganze Parteien während einer Legislaturperiode eine Fraktion verlassen, ist über das gesamte politische Spektrum hinweg keine Besonderheit im Europäischen Parlament. Insbesondere die Bedeutung nationaler Entwicklungen ist auch auf dieser Ebene nach wie vor hoch. Auch dass eine extrem rechte Fraktion während einer Legislaturperiode langsam schrumpft, ist nichts neues. Ebensowenig wie die Richtung der Fliehkräfte: insgesamt freilich eher Richtung konservativ (das geht ja von der eigenen Position aus gar nicht anders!), aber die einen eher in den wirklich gediegenen christlichen Konservatismus der EPP, die anderen sehr bewusst in andere, zu großen oder zumindest wachsenden Teilen extrem rechten Fraktionen, wie etwa die ECR. Die ist in ihrer dritten Legislaturperiode im Vergleich zu ihren Anfängen deutlich nach rechts gerückt und von daher ein immer attraktiver werdender Zufluchtsort für extrem rechte Unzufriedenheiten andernorts. Überdies, und das ist neu, gab es im Juli 2021 eine gemeinsame politische Erklärung diverser Parteien aus ID und ECR, zunächst noch ohne Folgen, aber sicher nicht unstrategisch motiviert.

Erstaunlich viele Frauen in der Fraktion der Antifeministen

In einem Zusammenschluss der Parteien, die wohl am wenigsten Wert auf feministische Politik und Emanzipation legen, die Geschlechtsidentitäten neben Mann und Frau nicht anerkennen und die Frau in ihrer veralteten, als ‚traditionell‘ bezeichneten Rolle als Mutter und Hausfrau gut aufgehoben sehen, mag man kaum eine besonders hohe Beteiligung von Frauen* am ‚männlichen‘ Geschäft Politik vermuten.
Erstaunliches verrät dazu ein Blick in die Reihen der ID-Fraktion: Über die Hälfte der Abgeordneten der italienischen Lega im Europaparlament, 15 von insgesamt 28, sind Frauen. Im Rasemblement National sind immerhin 10 von 22 Mandaten weiblich besetzt. Und auch, wenn es bei der AfD bloß noch zwei Frauen unter den 11 MEPs sind, besteht die Fraktion am Ende aus insgesamt 28 Frauen unter 73 Abgeordneten. Das macht eine Quote von rund 38%. Im Vergleich: die konservative Fraktion der Christdemokrat*innen, EVP, liegt bei einer Quote etwas über 25 %.

Weiterlesen

ID und EZB im Dialog – Vorstellung von Christine Lagarde im ECON-Auschuss

Am 4. September 2019 tagte in Brüssel der Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON). Teil der Tagesordnung war die Befragung von Christine Lagarde, Anwärterin auf das Amt der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). 

Neben den Vertreter*innen der anderen Fraktionen kamen auch Gunnar Beck, Antonio Maria Rinaldi und Hervé Juvin der „Identity and Democracy“ zu Wort.

Weiterlesen

ID contra von der Leyen

Kurze Wege im Plenum: Marco Zanni (Lega; stehend) bei seiner Tirade gegen Ursula von der Leyen (CDU), noch ohne Kommission im Rücken. photo © European Union 2019 – Source : EP

Im Vorfeld der Wahl zur neuen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gab es Spekulationen darüber, ob sie wohl auch die Stimmen der extremen Rechten für eine Mehrheit braucht und will. Angesichts des knappen Ergebnisses scheinen sich aber die Fraktionen der European Peoples Party (EPP), Renew Europe (RE, vormals Alliance of Liberals and Democrats) und relevante Teile der Progressive Alliance of Socialists and Democrats (S&D) zusammengerissen zu haben.

Weiterlesen

Fraktionszeit: Für die ID Wartezeit

Diese Woche ist sogenannte Fraktionswoche im Europaparlament. Kein Plenum, viel Zeit für sich selber, vor allem für interne Vernetzungs- und Koordinationsarbeit, aber auch für Verhandlungen und Deals vor großen Abstimmungen. Dafür scheint die ID-Fraktion aber irrelevant. Nach derzeitigem Stand soll das EP in einer Woche schon über die aktuelle Bewerberin auf den Posten der nächsten Kommissionspräsidentschaft entscheiden. Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) umgarnt daher diese Woche so einige Fraktionen und Abgeordnete um deren Stimmen. Von einem Treffen mit der ID ist allerdings nichts bekannt.

Weiterlesen

ID hatte ihr erstes Wort

Heute fand die erste Plenumsaussprache im neu konstituierten EP statt. Thema waren die Resultate des Europäischen Rats, insonders die daraus hervorgegangenen Personalvorschläge für die europäischen Spitzenämter. Wie bei Aussprachen demnächst immer, kam die ID-Fraktion an fünfter Stelle und ihr Vorsitzender Marco Zanni (Lega) hatte dreieinhalb Minuten Redezeit. Er geißelte, im übrigen wie alle Vorredner*innen, die sogenannte Hinterzimmerpolitik des Rats als „unwürdiges Spektaktel“ und machte sich damit sowohl für das Spitzenkandidat*innensystem als auch, etwas widersprüchlich in Anbetracht der unter den ID-Mitgliedern weitverbreiteten Forderung nach Degradierung oder gar Abschaffung des EP, genau für dessen Rechte stark. Dann betonte er aber, dass nur die Rückkehr zu den Nationalstaaten Demokratie gewährleiste und Europa retten könne. Nicht fehlen durften auch die „Migrationsströme“, die Europa überschwemmen würden, ein Thema, das die ID-Fraktion in den nächsten fünf Jahren immer wieder aufgreifen werde. Nichts neues also. Spannend bleibt, in welcher Form.